Der besondere Kirchturm

 

 
Wo führen die Stufen oben auf dem Turm hin?
Wie viele Stufen enthält die Spiraltreppe? (Hinweis: für ganze zwei Umdrehungen fehlen fünf Stufen)
Wo ist der Anfang der Schrift in der Brüstung und an welcher Stelle hört er auf?
Wer hat wem diesen Gruß zugesprochen?
In welchen Jahren war der Turm in Gefahr?

 
Kurze Beschreibung: 
- Fertigstellung in dieser Form 1547 
- Vier Stockwerke – mit unterschiedlichen Fenstern
- Plattform mit Sandsteinbrüstung (Höhe der Brüstung: 30 m)
- Jahreszahl (MDMXLVII) und Buchstaben in der Brüstung
- von innen zu lesen (Dafür haben wir keine beweisbare Erklärung)
- Offener Turmhelm mit acht Rippen und einer Spiraltreppe
- Höhe des Turms mit Strahlkreuz: 42,90m
- Vier Wasserspeier ( drei Buben und ein Fisch)
 
 
 
 
Die Brüstung - von innen zu lesen:
in der Reihenfolge von oben nach unten:
Ostseite mit der Jahreszahl
Südseite mit dem Textbeginn: AVE MARIA...
Westseite
Nordseite - mit dem Wappen in der Mitte
 
AVE MARIA GRACIA PLENA DOMINUS TECUM
 
Wann war die Turmspitze vom Abriss bedroht?
1870:  In der   Gemeinderechnung findet sich eine interessante Ausführung zum Turm der Georgskirche. Wieder einmal ist die Turmpyramide in Gefahr total verändert zu werden. GA-DE. 1B-405/1, Gemeinderechnung 1870
1957   (13.12.)    Der Kirchengemeinderat Denzlingen bittet um Erlaubnis zum Abbruch der Kirchturmpyramide. Dies wurde abgelehnt. GA-DE. 2 A-475, Kirchen   1950-1983
 
Die Spiraltreppe auf dem Turm der evangelischen Kirche
 
 
Der Turm der evangelischen Kirche in Denzlingen hat einen ungewöhnlichen Abschluss. Statt eines geschlossenen Daches schmückt ein offener Turmhelm die Turmspitze. Für die Alt-Denzlinger Bürger war das ein vertrauter Anblick, für Neu-Denzlinger Bürger immer ein Grund zum Fragen. Prof. Mielke hat im Jahr 2000 sich genauer mit der Spiraltreppe befasst und uns diese überraschende Aussage mitgeteilt:
Bei auf Kirchtürmen ausgeführten Spiraltreppen steht Denzlingen an erster Stelle.
 
In der Gruppe der Kirchtürme mit Treppen in der obersten Position eines Kirchturms ist die Treppe auf dem Straßburger Münster (1419-1439) als erste bekannt. Denzlingen steht in dieser Reihenfolge an siebter Stelle. Aber man beachte: die älteren Treppen sind gewendelte Treppen und keine Spiraltreppen!
Eine Treppe, freitragend, als Spirale zu konstruieren, ist eine besondere Herausforderung für den Treppenbauer. Aber warum das Ganze?
 
Prof. Mielke bringt die Spiraltreppe mit der Inschrift in der Brüstung in Verbindung, dazu mit dem geschlossenen Ring als Abschluss über der Treppe und der Krone als Abschluss der Pyramide:
„Der Turmhelm gleicht einem in Stein manifestierten Aufschrei des Klerus, einem Gebet an Maria. Er ist eine Drohung gegen die evangelischen Ketzer. Die Treppe mahnt: Nur durch die Hilfe der Gottesmutter kommt ihr in den Himmel. Die Treppe ist das Symbol für den Weg nach oben.“
„Die spiralig geführte Treppe galt und gilt als das Non-plus-ultra in der Treppenbaukunst. Sie allein war würdig, eine Huldigung an Maria zu symbolisieren, wie es auf dem Denzlinger Kirchturm geschah. Dass keine andere Deutung möglich ist, bezeugen
1.   die Inschrift des Geländers (AVE MARIA GRATIA PLENA DOMINUS TECUM). So grüßt der Engel Gabriel Maria in Lk 1,28. 
2.   der Ring um das obere Rippenende, der als Pforte zu verstehen ist. Er ist eine Art Signum Mariens.
3.   die Krone als oberer Abschluss der Konstruktion. Der Himmelskönigin gebührt eine Krone - weithin sichtbar.“
Dabei ist die Zeit der Reformation und Gegenreformation zu beachten. Der Turmhelm mit der Spiraltreppe wurde 1547 fertiggestellt. Das war die Zeit der Gegenreformation. 1556 wurde Denzlingen evangelisch.
 
 
Der Brief von Prof. Mielke vom 28.08.2000:   
 
Arbeitsstelle für Treppenforschung
Institut für Scalalogie
Prof. Dr. Ing. Friedrich Mielke
Hünenring 14
91809 Konstein
 
Fotos von Besonderheiten am Turm:
 
 
An welcher Brüstungsseite ist das durchbrochene Wappen?
 
 
 
Wem zeigt des Gesicht die Zunge?
 
 
 
Doppelbogenfenster
  


Wappen - neben der Jahreszahl
 
 
 
Wappen - mitten im Text
 
 
 
Wasserspeier Bube
 
 
 
Wasserspeier Bube
  
 

Wasserspeier Fisch
In welche Richtung speit der Fisch? 

erstellt 2015 Hartmut Nübling
 

 
Wie dick sind die Ringanker?
Wie hoch ist die Pyramide?
Wie viele Jahre nach dem Freiburger Münsterturm wurde dieser Turmhelm gebaut?
In welchen Jahren war der Kirchturm in dieser Form höchst gefährdet?
 
 
Kurze Beschreibung:
- Acht Eckstreben, die auf drei Ebenen mit schmiedeeisernen Ankern verbunden sind. 
- Keine Maßwerkfelder
- In „fünf Stockwerke“ eingeteilt
- Zwischen den beiden obersten Stockwerken befindet sich eine innen offene Scheibe (Ring)
- Über dem fünften Stockwerk liegt ein horizontaler Steinring, auf dem die Helmspitze aufsitzt.
- Achte Grate bilden die Helmspitze (Krone)
- Im Inneren der Pyramide verläuft eine weithin sichtbar inszenierte Spiraltreppe mit einem mittigen, offenen Auge.
- Die Treppenstufen liegen frei auf Eisen auf, die zwischen den Eckstreben angebracht sind.
- Im Inneren stützen vier vertikale Pfeiler die Treppenstufe.
- Im vierten Stockwerk endet die Treppe mit der 27. Stufe unter dem Ring ohne eigentlichen Abschluss oder „Ausstieg“.
- Die Eckstreben verjüngen sich kontinuierlich nach oben, und es bestehen keine Krabben.
- Die Eisenanker sind ungewöhnlich mächtige Eisen – in den unteren Ebenen mit Querschnitten von 4 x 9 cm! (Solche starken Eisenanker gibt es keine am Freiburger Münster!) Die Eisen sind jeweils durchlaufend in den Ecken einfach umgebogen. Jeder „Ringanker“ besteht somit aus drei Abschnitten, die einfach im offenen Binnenfeld mit zwei Stiften zusammengenietet sind!
 
Bewertung:
Die Turmpyramide bildet in gewisser Hinsicht eine Art Schlusspunkt der mittelalterlichen Maßwerk-Turmhelme. Während der Turm des Freiburger Münster um 1330 n.Chr. als der erste offene TurmheIm vollendet war und eine baugeschichtliche Entwicklung einleitete, bildet der Denzlinger Kirchturm den Schlusspunkt dieser Entwicklung: über 200 Jahre später und in Sichtweite zum Ursprungsort! Gibt es da einen Zusammenhang? Das ist nicht bekannt, aber es ist reizvoll
„Mit dem Denzlinger Turmhelm entstand eine letzte Weiterentwicklung des Freiburger Modells, die Reduktion der Maßwerkpyramide auf die Gitterstruktur der Eckstreben und der horizontalen Ankerlagen bei konsequentem Verzicht auf die ursprünglich gestalterisch so wesentlichen, vielleicht sogar typengenerierenden Maßwerke in den Flächen – letzten Endes also eine Art konstruktives Schema des Vorbildes, dass in seiner „Ornament-ist-Verbrechen“-Konsequenz fast wie ein Entwurf der Moderne anmutet.“  (Dr. Christian Kayser)
 
 
Auf welchen Kirchtürmen gibt es ausschließlich im Mittelalter ausgeführte pyramidale Maßwerk-Turmhelme?
Auszug aus der Liste:
1421-28                Basel, Münster, Nordturm, Ulrich von Ensingen, Umsetzung Hans Kuhn
Bis 1429               Wien, Maria am Gestade, Michael Knab, Ausführung Hans von Prachatitz
bis 1433               Wien, Südturm von St. Stefan, Hans von Prachatitz
bis 1439(?)          Straßburg, Nordturm des Münsters, Johannes Hültz
zwischen 1445 und 1482              Esslingen, Westturm der Frauenkirche, Hans Böblinger
1478-81                Metz, Kathedrale, Tour de la Mutte, Hannes de Ranconval und Francois le Poretre
um 1475/1500   Rothenburg o.d. Tauber, Doppeltürme der Stadtpfarrkirche St. Jakob
1506 - 1516         Thann, Westturm des Theobaldsmünsters, Remy Faesch aus Basel
um 1547              Denzlingen bei Freiburg, Turm der Ev. Kirche St. Georg
 
Dr. Christian Kayser hat dankenswerter seinen Aufsatz zur Verfügung gestellt:
Quellenangabe:
Autor:Dr.-Ing. Christian Kayser, Barthel & Maus, Beratende Ingenieure GmbH
Der Turmhelm des Freiburger Münster Unserer Lieben Frau in Freiburg,
Denkmalpflege Baden Württemberg, Arbeitsheft Nr. 27, S. 110 - 119.
 
Dr. Christian Kayser hat dankenswerter eine zweite Darstellung aus der Habilitationsschrift zur Verfügung gestellt: 
Freiburg und die Folgen: Bau- und Konstruktionsgeschichte gotischer Maßwerktürme Gebundene Ausgabe – 21. Juli 2023  
Christian Kayser (Autor)   968 Seiten       Schnell & Steiner     ISBN 10 - 3795437733
 
 
Antrag auf Abriss der Turmpyramide:
aus der Zeittafel:
1870:  In der   Gemeinderechnung findet sich eine interessante Ausführung zum Turm der Georgskirche. Wieder einmal ist die Turmpyramide in Gefahr total verändert zu werden. GA-DE. 1B-405/1, Gemeinderechnung 1870
1957   (13.12.)    Der Kirchengemeinderat Denzlingen bittet um Erlaubnis zum Abbruch der Kirchturmpyramide. Dies wurde abgelehnt. GA-DE. 2 A-475, Kirchen   1950-1983
 
Hier noch zwei Zeichnungen aus den Unterlagen der Turmrenovierung 1960
 
  
 
erstellt 2015 Hartmut Nübling - aktualisiert 2023